Seit Jahrhunderten schreibt die europäische Folklore Bäumen geheimnisvolle Kräfte zu: Manche schützen vor Hexen, andere beherbergen Feenwesen, wieder andere scheinen Geheimnisse zu hüten, die man besser nicht kennen sollte. In Wales gibt es sogar einen Baum, der der Legende nach die Namen der Toten im Voraus kennt. Und bei den Hexenritualen in vielen Teilen Europas soll sich der Hexensabbat um einen Baum versammelt haben. Je nach Überlieferung konnte es sich dabei um einen Walnussbaum handeln (wie den berühmten Walnussbaum von Benevent, der bekanntesten Gestalt der italienischen esoterischen und inquisitorischen Tradition, der 662 n. Chr. auf Anordnung des Bischofs San Barbato gefällt wurde, um die Bekehrung der Langobarden zum Christentum zu besiegeln), um eine Eiche (wie die Hexeneiche von Capannori in der Provinz Lucca) oder um die Linde von Rueglio im Piemont.
Halloween ist eine wunderbare Gelegenheit, einige dieser Geschichten wiederzuentdecken, die über Generationen hinweg weitererzählt wurden und bis heute überlebt haben. Viele von ihnen stehen mit Samhain in Verbindung, einem alten Fest der gälischen Welt, das das Ende der Ernte und den Beginn der dunkelsten Jahreszeit markierte. Nach den mit diesem Fest verbundenen Vorstellungen konnte die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der übernatürlichen Welt durchlässiger werden.
Denn der Wald ist ein Ort, an dem wir uns letztlich wie Gäste fühlen. Selbst wenn wir die Wesen, die uns umgeben, nicht mit unserem Verstand erfassen können, spüren wir ihre Anwesenheit. Und wir wissen, dass nicht wir hier die Herren sind, sondern andere. Wesen, die uns Menschen nicht unbedingt wohlgesinnt sein müssen (und in manchen Fällen kann man ihnen das kaum verdenken!).
Hier sind sieben Legenden, die ihr lesen solltet, bevor ihr das Licht ausschaltet.
Llangernyw, Wales. Hauptfigur: die Europäische Eibe.
Stellt euch einen walisischen Friedhof vor, eine alte Kirche und eine Eibe mit knorrigen, verdrehten Formen, deren Äste sich scheinbar nach den Grabsteinen ausstrecken. Hier soll einer örtlichen Legende zufolge Angelystor erscheinen: eine geheimnisvolle übernatürliche Gestalt, die jedes Jahr an Halloween die Namen jener Menschen aus der Gemeinde verkündet, die kurz darauf sterben werden.
Besonders unheimlich wird die Geschichte durch einen Schneider namens Shôn ap Robert, der überhaupt nicht an diese Erzählungen glaubte. Überzeugt davon, dass es sich um Unsinn handelte, beschloss er, in der Halloween-Nacht zur Kirche zu gehen und zu beweisen, dass es nichts zu fürchten gab.
Doch als er dort ankam, hörte er eine Stimme, die die Namen der künftigen Toten aussprach. Auch sein eigener Name war darunter.
Der Überlieferung zufolge starb der Schneider noch im Laufe desselben Jahres.
Die Legende ist in der Sammlung der People's Collection Wales dokumentiert, die auch Materialien aus dem Archiv von Conwy bewahrt. Die Eibe von Llangernyw ist tatsächlich ein sehr alter Baum, auch wenn sich ihr genaues Alter nur schwer bestimmen lässt.
Wir wissen nicht, ob Angelystor jemals wirklich jemandem erschienen ist. Aber falls ihr am kommenden 31. Oktober an diesem Friedhof vorbeikommt, geht lieber zügig weiter und lauscht nicht, ob jemand oder etwas laut Namen ruft ... schließlich möchtet ihr euren eigenen Namen ganz bestimmt nicht hören.
Quelle: People's Collection Wales – St Digain's Church, Llangernyw.
Irland. Hauptfigur: der Weißdorn.
In der irischen Folklore gibt es eine ungeschriebene Regel, an die man sich besser hält: Wenn ihr mitten auf einem Feld einem allein stehenden Weißdorn begegnet, lasst ihn in Ruhe. Dabei geht es nicht nur um den Respekt vor der Natur. Zahlreichen Volksüberlieferungen zufolge waren bestimmte Weißdornbüsche die Heimat des little people, des Feenvolks, das in einer unsichtbaren Welt direkt neben unserer lebt. Einen solchen Strauch zu fällen oder zu beschädigen, konnte Unglück, Krankheit und sogar den Tod nach sich ziehen.
Besonders gefährlich galten einzelne Exemplare, die scheinbar ganz allein mitten im Nirgendwo wachsen. Sie wurden nicht als gewöhnliche Bäume betrachtet, sondern als Orte, an denen Wesen lebten, die Menschen besser nicht stören sollten.
Auch Weißdornblüten ins Haus zu holen, galt in manchen irischen Traditionen als riskant: Man glaubte, sie könnten einen Todesfall ankündigen oder Zwietracht in die Familie bringen.
Diese Vorstellungen sind nicht ausschließlich mit Halloween verbunden. In Irland galt auch die Nacht vor dem ersten Mai als gefährlich und wurde mit der Welt der Feen in Verbindung gebracht. Ihr müsst also selbst entscheiden, ob ihr den nächsten Weißdorn, dem ihr begegnet, lieber in Ruhe lasst oder nicht ...
Quelle: University College Cork – Hawthorn folklore.
Großbritannien und Irland. Hauptfigur: die Europäische Eibe.
Bei genauerem Hinsehen ist es nicht nur die Eibe von Llangernyw, die mit Geschichten und Legenden verbunden ist, in denen sich die Wege der Lebenden und der Toten kreuzen. Denn wenn es einen Baum gibt, der direkt einem Schauerroman entsprungen zu sein scheint, dann ist es die Eibe. Sie ist immergrün, langlebig und entwickelt oft knorrige, verdrehte Stämme. Auf britischen Friedhöfen gehört sie seit Langem zum vertrauten Bild. Manche Exemplare sind so alt, dass sie Generationen von Menschen haben kommen und gehen sehen könnten, ohne ihr Aussehen wesentlich zu verändern.
Ihre Verbindung mit dem Tod lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Sicherlich hat ihr Laub, das auch im Winter grün bleibt, dazu beigetragen, dass sie als Symbol für Beständigkeit und Unsterblichkeit gilt. Auch ihre außergewöhnliche Langlebigkeit dürfte diese Verbindung verstärkt haben. Hinzu kommt, dass verschiedene Teile der Eibe giftige Substanzen enthalten. Ihre Beeren sind keineswegs harmlos, nur weil sie verlockend aussehen.
So entsteht das Bild eines Baumes, der scheinbar mit einem Fuß in zwei Welten steht: in der Welt der Lebenden, die unter seinen Ästen hindurchgehen, und in der Welt der Toten, deren Gräber in seinem Schatten ruhen.
Quelle: Woodland Trust – British Trees: Folklore and Mythology.
Britische Inseln. Hauptfigur: die Weide.
Weiden wirken melancholisch und werden nicht ohne Grund oft als Trauerweiden bezeichnet. Ihre Äste hängen nach unten, bewegen sich im Wind und streifen häufig das Wasser jener Flüsse und Bäche, an deren Ufern diese Bäume wachsen. Es überrascht daher kaum, dass die Weide in manchen britischen Traditionen mit der übernatürlichen Welt in Verbindung gebracht wurde. In der Folklore von Essex hängte man beispielsweise Weidenzweige an Türen, um Häuser vor den Hexen der Sümpfe zu schützen. In anderen Gegenden wurde die Weide selbst mit Hexerei in Verbindung gebracht und als Bestandteil von Ritualen und Zaubertränken betrachtet.
Dass Weiden in der Nähe von Gewässern wachsen, erinnert uns außerdem an die zahlreichen Legenden, die sich um Flüsse und Bäche ranken. Es gibt unzählige Geschichten über Geister, die dort leben, sowie Überlieferungen, nach denen Vampire und allgemein Geister keine Gewässer überqueren dürfen. Deshalb müssen sie oft am Ufer oder in der Nähe einer Brücke warten, bis sich eine Gelegenheit zur Überquerung bietet. Gerade in feuchten Nächten ließ sich der Nebel, der über dem Wasser aufstieg, bei vielen vermeintlichen Begegnungen mit dem Übernatürlichen leicht für einen Geist halten.
Weiden spielen auch häufig in Geschichten eine Rolle, in denen Bäume sich bewegen oder Wandernde verfolgen können. Solche Erzählungen gibt es in verschiedenen Varianten im fantastischen Teil der Folklore. Allerdings lässt sich nicht jede davon auf eine eindeutige historische Quelle zurückführen. Deshalb sollte man sie eher als erzählerische Motive verstehen denn als eine einzige, gut dokumentierte britische Legende. Der Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Erscheinungsbild der Weide und diesen Geschichten liegt auf der Hand: Ihre leichten, herabhängenden Zweige bewegen sich schon bei einer schwachen Brise.
Die Weide ist jedenfalls seit Langem mit dem Geheimnisvollen verbunden. Und wenn ihr das nächste Mal seht, wie sich ihre Äste in der Dunkelheit bewegen, denkt daran: Vielleicht ist es nicht nur der Wind.
Quelle: The Metropolitan Museum of Art – Tales and a Tune of the Willow.
Schottland und Irland. Hauptfigur: die Eberesche.
Die roten Beeren der Eberesche wirken wie kleine Lichter zwischen den herbstlichen Blättern. In Schottland und Irland hatte ihre Farbe jedoch eine Bedeutung, die weit über die Schönheit der Landschaft hinausging: Der Überlieferung zufolge konnte sie vor bösen Kräften schützen (ganz anders als im Film The Village von 2004, in dem Rot die verbotene Farbe ist, weil sie die bösen Kreaturen des Waldes anlockt).
Die Eberesche, auf Englisch rowan, galt als Schutzbaum gegen Hexen, Geister und Feenwesen. In manchen Gegenden pflanzte man sie in der Nähe von Häusern, anderswo hängte man Zweige über Türen oder in Ställe. Es gab sogar den Brauch, kleine Kreuze aus Ebereschenholz anzufertigen und mit einem roten Faden zusammenzubinden. Man trug sie als Amulette bei sich oder brachte sie an Orten an, an denen man unerwünschte Wesen fernhalten wollte.
Die rote Farbe der Beeren galt als besonders wirksam gegen das Böse. Und es gab noch eine weitere Regel: In manchen schottischen Traditionen war es unbedingt zu vermeiden, eine Eberesche zu fällen.
Es ist bemerkenswert, dass ein Baum, der für die heimische Tierwelt so wichtig ist, zugleich als Verbündeter im Kampf gegen Hexen galt. Seine Beeren sind nämlich im Herbst eine wertvolle Nahrungsquelle für zahlreiche Vogelarten. Die Eberesche hat also einen doppelten Ruf: Einerseits ernährt sie Tiere, andererseits sollte sie der Folklore zufolge Menschen vor dem schützen, was sich in der Dunkelheit verbirgt.
Wenn wir für die Halloween-Nacht einen Baum neben der Haustür auswählen müssten, wäre es vielleicht genau dieser.
Quelle: Woodland Trust – Rowan.
Mittelalterliches Europa. Hauptfigur: die Alraune.
Sie ist kein Baum, aber es wäre schade, sie in dieser Geschichte auszulassen. Die Alraune ist eine krautige Pflanze, deren Wurzel entfernt an eine menschliche Gestalt erinnern kann. Jahrhundertelang wurde sie mit Magie, Hexerei und geheimnisvollen Kräften in Verbindung gebracht. Im Mittelalter galt sie als eine der unheimlichsten Pflanzen der europäischen Zaubertradition. Auch Niccolò Machiavelli gab einer Komödie, die er schrieb und in der er mit den vermeintlich aphrodisierenden Eigenschaften der Pflanze spielte, ihren Namen: La Mandragola.
Die berühmteste Legende ist allerdings auch die schrecklichste: Wenn man die Alraune aus der Erde zog, sollte sie einen Schrei ausstoßen, der jeden tötete, der ihn hörte. Ohne den tödlichen Ausgang der Geschichte wurde diese Legende auch in einer berühmten Szene aus Harry Potter dargestellt.
Wie konnte man sie also ernten, ohne zu sterben? Manchen Erzählungen zufolge musste man die Pflanze an einen Hund binden und das Tier von der Stelle weglocken, an der sie wuchs. Wenn der Hund die Wurzel aus der Erde zog, konnte der Sammler in sicherer Entfernung bleiben. In manchen Versionen der Geschichte war allerdings auch für den Hund ein tragisches Ende vorgesehen.
Der Mythos ist seit Langem dokumentiert. Eine Studie im Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine zeichnet die Entwicklung der Vorstellungen rund um die Alraune nach und stellt fest, dass sich das Motiv des tödlichen Schreis ab dem 12. Jahrhundert in Europa verbreitete.
Für ihren unheimlichen Ruf gibt es auch eine konkretere Erklärung: Die Alraune enthält giftige Alkaloide, die schwere Auswirkungen auf den menschlichen Organismus haben können. Ihre tatsächliche Giftigkeit dürfte zusammen mit der ungewöhnlichen Form ihrer Wurzel dazu beigetragen haben, ihren düsteren Ruf zu festigen.
Sie ist natürlich kein Baum. Aber es ist schwer, sich eine Pflanze vorzustellen, die besser zu einer Halloween-Geschichte passen würde. Und im Zweifelsfall ... lässt man sie besser dort, wo sie wächst!
Quellen: Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine – In search of traces of the mandrake myth; Europeana – Mandrake: The Scream of Death.
Irland und die gälische Welt. Hauptfiguren: Wälder, Geister und rituelle Feuer.
Wer verstehen möchte, warum Bäume in Halloween-Geschichten so häufig vorkommen, muss einen Schritt zurückgehen – bis zu Samhain. Dieses Fest der gälischen Welt markierte das Ende der Ernte und den Übergang in die dunkle Hälfte des Jahres. Es wurde um den 31. Oktober und den 1. November gefeiert, wenn die Tage kürzer wurden und der Winter näher rückte.
Den mit Samhain verbundenen Traditionen zufolge konnte die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der übernatürlichen Welt durchlässiger werden. Die Geister der Verstorbenen und Feenwesen konnten mit Menschen in Kontakt treten. Manche Geschichten erzählen von gefährlichen Begegnungen für all jene, die sich nach Einbruch der Dunkelheit nach draußen wagten.
Rituelle Feuer spielten bei den Feierlichkeiten eine wichtige Rolle. Auch wenn wir nicht behaupten können, dass es einen einheitlichen keltischen Brauch gab, der speziell den Bäumen gewidmet war, lässt sich leicht verstehen, warum der Wald zu einem bevorzugten Schauplatz dieser Erzählungen wurde. Ein dunkler Pfad, ein einzelner Baum, eine Lichtung, die anders aussieht als alle anderen: Die Natur bietet alles, was man braucht, um sich einen Übergang in eine andere Welt vorzustellen.
Wichtig ist jedoch, Folklore und Geschichte nicht miteinander zu verwechseln. Die Vorstellungen über Samhain sind durch Quellen aus unterschiedlichen Epochen überliefert, und viele Traditionen, die heute mit dem Fest verbunden werden, sind das Ergebnis jahrhundertelanger kultureller Veränderungen. Die Verbindung zu Halloween bleibt dennoch faszinierend. Die Nacht des 31. Oktober ist bis heute ein Moment, in dem wir uns gern vorstellen, dass die Welt ein wenig unberechenbarer wird, dass sich in den Schatten etwas verbirgt und der Wald Geheimnisse hütet.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Bäume in Geschichten so unheimlich wirken: Sie stehen still, sie schweigen – und doch leben sie. Sie sind anders als wir; ihre Gedanken und Absichten können wir nicht erkennen. Sie sind uns als Lebewesen sogar fremder als wilde Tiere. Es fällt uns nicht schwer, sie uns als wohlwollend vorzustellen, aber ebenso wenig als feindselig. Man denke nur an die Rolle der Ents in J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe.
Wenn ihr das nächste Mal an einem jahrhundertealten Baum vorbeikommt, schaut ihn euch ein paar Sekunden länger an. Man muss nicht an Hexen oder Geister glauben, um zu spüren, dass manche Bäume einer anderen Zeit und einer anderen Welt anzugehören scheinen als wir.
Und falls ihr zufällig ein Flüstern zwischen den Ästen zu hören glaubt, macht euch keine Sorgen. Wahrscheinlich ist es nur der Wind.
Wahrscheinlich.
Quellen: NASA – Halloween History; HISTORY – Samhain.
Die Geschichten, die wir erzählt haben, zeigen, wie lange Menschen schon versucht haben, den Wäldern, den ältesten Bäumen und jenen Teilen der Natur einen Sinn zu geben, die sie sich nicht erklären konnten. Bäume können Zufluchtsorte, Nahrungsquellen, Orte der Erinnerung und Symbole des Schutzes sein. In den Herbstnächten können sie aber auch zu Figuren in Geschichten werden, die uns die Landschaft mit anderen Augen sehen lassen.
Also: Frohes Halloween! Und denkt daran: Wenn ihr einem einsamen Baum mitten auf einem Feld begegnet, müsst ihr nicht gleich davonlaufen.
Aber vielleicht lasst ihr ihn besser einfach in Ruhe. In diesem Sinne: W Halloween!