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FAO Food Outlook 2026: Das Klima als neue Variable der Ernährungssicherheit
Jul 01, 2026 | geschrieben von: Tommaso Ciuffoletti
Zweimal im Jahr veröffentlicht die FAO den Food Outlook – einen der weltweit wichtigsten Berichte über die Entwicklung der internationalen Agrarmärkte. Es handelt sich weder um einen Klimabericht noch um eine Studie zur Nachhaltigkeit. Vielmehr analysiert die Publikation die Produktion, den Handel, die Preise, Lagerbestände und die Marktaussichten der wichtigsten Agrarrohstoffe – von Getreide und Zucker über Pflanzenöle bis hin zu Fleisch, Milchprodukten und Fisch.
Gerade deshalb ist die Ausgabe vom Juni 2026 besonders bemerkenswert.
Seite für Seite macht der Bericht deutlich, dass der Klimawandel längst nicht mehr nur ein Umweltthema ist. Das Klima entwickelt sich zunehmend zu einer wirtschaftlichen Größe, die die globalen Agrarmärkte maßgeblich beeinflusst.
Ein stabiles Ernährungssystem – aber mit wachsender Verwundbarkeit
Auf den ersten Blick zeichnet der Bericht ein durchaus beruhigendes Bild. Nach einer Rekordernte im Jahr 2025 wird die weltweite Getreideproduktion 2026 zwar leicht zurückgehen, sich aber weiterhin auf einem historisch hohen Niveau bewegen. Auch die globalen Lagerbestände bleiben komfortabel, sodass kurzfristig keine weltweite Versorgungskrise zu erwarten ist.
Wer ausschließlich auf diese Zahlen schaut, könnte den Eindruck gewinnen, dass das globale Ernährungssystem ausgesprochen stabil ist.
Die FAO fordert jedoch dazu auf, genauer hinzusehen. Zwar ist genügend Nahrung verfügbar, doch die Bedingungen, unter denen sie produziert wird, werden immer unsicherer. Ein Gedanke zieht sich durch den gesamten Bericht: Die Agrarmärkte sind heute einer Vielzahl von Risiken ausgesetzt, die noch vor wenigen Jahren eine deutlich geringere Rolle spielten.
An erster Stelle steht dabei die zunehmende Unsicherheit des Klimas.
Die mögliche Rückkehr von El Niño, die steigende Häufigkeit extremer Wetterereignisse und immer unberechenbarere Jahreszeiten werden in nahezu allen Marktanalysen erwähnt. Nicht weil ein dramatischer Einbruch der weltweiten Produktion erwartet wird, sondern weil diese Entwicklungen Ernten, Handelsströme und Preisentwicklungen immer schwieriger vorhersehbar machen.
Damit verschiebt sich auch die zentrale Frage. Es geht nicht mehr allein darum, wie viel Nahrung produziert werden kann, sondern darum, wie widerstandsfähig das Ernährungssystem gegenüber Störungen ist.
Agrarmärkte lassen sich nicht mehr isoliert betrachten

Eine der interessantesten Erkenntnisse des Food Outlook besteht darin, dass Landwirtschaft heute nicht mehr losgelöst von anderen Wirtschaftsbereichen verstanden werden kann.
Die Preise landwirtschaftlicher Rohstoffe hängen längst nicht mehr ausschließlich von Niederschlägen oder Erträgen ab. Energiepreise, Düngemittelkosten, Handelspolitik, geopolitische Spannungen, der Seeverkehr oder auch Wechselkurse beeinflussen die Märkte zunehmend.
Eine gute Ernte allein garantiert deshalb keine Stabilität mehr.
Dieses Bild zieht sich durch den gesamten Bericht. Der Konflikt im Nahen Osten wird beispielsweise vor allem wegen seiner Auswirkungen auf Handelsrouten und Transportkosten erwähnt. Die Entwicklung der Erdgaspreise beeinflusst weiterhin den Düngemittelmarkt, während energiepolitische Entscheidungen die Wirtschaftlichkeit einzelner Kulturen verändern.
Landwirtschaft erscheint damit als Teil eines viel größeren wirtschaftlichen Gefüges, in dem Entscheidungen weit außerhalb der Felder zunehmend darüber bestimmen, was auf ihnen geschieht.
Anders gesagt: Die Agrarmärkte sind heute eng mit Energie, Geopolitik und Welthandel verflochten.
Zucker erzählt diese Entwicklung besonders anschaulich
Zu den spannendsten Kapiteln des Berichts gehört die Analyse der Beziehung zwischen Zucker und Ethanol in Brasilien, dem weltweit größten Zuckerproduzenten und -exporteur.
Was zunächst wie ein sehr spezielles Thema wirkt, beschreibt in Wirklichkeit einen grundlegenden Wandel der Agrarmärkte.
Aus Zuckerrohr lassen sich sowohl Haushaltszucker als auch Bioethanol herstellen. Wird Ethanol wirtschaftlich attraktiver, fließt ein größerer Teil der Ernte in die Kraftstoffproduktion – und entsprechend weniger Zucker gelangt auf den Lebensmittelmarkt.
Dieser Zusammenhang ist seit Langem bekannt.
Neu ist jedoch die Erkenntnis der FAO, dass sich seine Dynamik verändert hat.
Anhand täglicher Preisdaten aus den Jahren 2012 bis 2026 zeigt der Bericht, dass Zucker- und Ethanolpreise zwar weiterhin eng miteinander verbunden sind, sich die Märkte heute jedoch deutlich langsamer wieder ins Gleichgewicht bringen als früher. Preisschocks aus dem Energiesektor wirken sich nach wie vor unmittelbar auf den Zuckermarkt aus, ihre Folgen halten jedoch wesentlich länger an.
Die Ursachen liegen in tiefgreifenden strukturellen Veränderungen: der wachsenden Bedeutung von Maisethanol, stärker spezialisierten Verarbeitungsanlagen, politischen Fördermaßnahmen für Biokraftstoffe und technologischen Entwicklungen innerhalb des Sektors.
Das Ergebnis ist eindeutig: Entwicklungen auf den Energiemärkten können die Lebensmittelpreise heute nachhaltiger beeinflussen als noch vor einigen Jahren.
Kaum ein anderes Beispiel verdeutlicht so anschaulich, wie eng Landwirtschaft inzwischen mit anderen Wirtschaftsbereichen verflochten ist.
Resilienz als Schlüssel für die Ernährung der Zukunft

Auch wenn der Begriff nicht ständig verwendet wird, ist Resilienz der rote Faden des gesamten Food Outlook 2026.
Resilienz bedeutet, Landwirtschaft auch dann erfolgreich betreiben zu können, wenn das Klima unberechenbarer wird, Energiepreise steigen, Lieferketten unterbrochen werden oder geopolitische Krisen neue Unsicherheiten schaffen. Es geht darum, Agrarsysteme aufzubauen, die Schocks verkraften können – und nicht nur unter idealen Bedingungen Höchsterträge erzielen.
Vor diesem Hintergrund wird Ernährungssicherheit nicht allein daran gemessen, wie viel Nahrung heute produziert wird, sondern daran, ob diese Produktion auch morgen unter veränderten Bedingungen gesichert werden kann.
Genau an diesem Punkt berührt der Bericht auch die Arbeit von Treedom.
In agroforstwirtschaftlichen Systemen werden Bäume nicht anstelle landwirtschaftlicher Kulturen gepflanzt, sondern gemeinsam mit ihnen. Viele dieser Bäume tragen Früchte und tragen dazu bei, sowohl die Ernährung als auch die Einkommensquellen der beteiligten Familien zu diversifizieren. Mit zunehmendem Alter sind Bäume außerdem in der Regel widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Schwankungen als einjährige Kulturen und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des gesamten landwirtschaftlichen Systems.
Der Food Outlook 2026 liefert keine einzelne Lösung für die Herausforderungen der globalen Landwirtschaft. Er macht jedoch deutlich, in welche Richtung sich die Ernährungssicherheit entwickeln muss: hin zu Agrarsystemen, die sich an Unsicherheit anpassen können.
Und genau deshalb wird es immer schwieriger, über die Zukunft der Landwirtschaft zu sprechen, ohne auch über die Rolle von Bäumen nachzudenken – als Bestandteil vielfältigerer, stabilerer und letztlich resilienterer Ernährungssysteme.

