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Kann ein virtueller Wald ausreichen, damit wir uns besser fühlen?
Sept. 08, 2026 | geschrieben von: Tommaso Ciuffoletti
Ihr sitzt im Büro, draußen regnet es, vor euch liegt ein Tag, der einfach nicht enden will, und jemand schlägt euch zehn Minuten im Wald vor. Aber nicht etwa einen Spaziergang zum nächsten Wald. Sondern eine VR-Brille, Kopfhörer, 360-Grad-Bilder, das Rascheln der Blätter und vielleicht sogar den Duft der Bäume.
Funktioniert das?
Die kurze Antwort lautet: Es kann helfen. Die längere Antwort ist deutlich interessanter.
Denn Ausgangspunkt ist eine inzwischen recht gut belegte Erkenntnis: Zeit in natürlichen Umgebungen kann dabei helfen, Stress abzubauen und sich davon zu erholen, und kann sich positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken. Hier setzt unter anderem die japanische Praxis des Shinrin-yoku an, wörtlich „Waldbaden“: Gemeint ist damit keine bestimmte sportliche oder therapeutische Aktivität, sondern schlicht das bewusste Eintauchen in eine natürliche Waldumgebung.
Die wissenschaftliche Forschung hat die Auswirkungen dieser Art von Naturerfahrung auf Stress, Stimmung und bestimmte physiologische Parameter untersucht. Die Ergebnisse sollten mit Vorsicht interpretiert werden, da die Studien sehr unterschiedliche Methoden und Messgrößen verwenden. Das Gesamtbild deutet jedoch darauf hin, dass der Kontakt mit der Natur eine erholsame Wirkung haben kann. Und daraus ergibt sich eine neue Frage: Wenn wir einen Wald nicht erreichen können, können wir ihn dann wenigstens zu uns bringen?
Im Wald, auch wenn der Wald gar nicht da ist
Eine aktuelle Studie von Forschenden des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hat sich mit dieser Frage beschäftigt und dabei einen grundlegenden Aspekt der Walderfahrung in den Mittelpunkt gestellt: Einen Wald nehmen wir nicht nur mit den Augen wahr.
Die Teilnehmenden wurden zunächst einer Situation ausgesetzt, die gezielt Stress auslösen sollte, und anschließend verschiedenen Versionen eines virtuellen Waldes. Einige erlebten ausschließlich Bilder der natürlichen Umgebung, andere nur die dazugehörigen Geräusche oder den mit dem Wald verbundenen Duft, während eine weitere Gruppe mehrere Sinnesreize gleichzeitig erlebte.
Die Idee hinter dem Experiment ist einfach: Wenn eine Naturerfahrung gleichzeitig Sehen, Hören und Riechen umfasst, wird ihre virtuelle Nachbildung dann wirksamer, wenn sie mehr als einen unserer Sinne anspricht?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Antwort zumindest teilweise ja lautet. Die virtuelle Walderfahrung unterstützte die emotionale Erholung nach einer Stresssituation, während die multisensorische Variante einige Vorteile zeigte, insbesondere bei positiven Emotionen und beim Gefühl der Verbundenheit mit der Natur. Das bedeutet allerdings nicht, dass Geräusche und Düfte eine VR-Brille automatisch in einen Wald verwandeln. Ebenso wenig verbessert eine multisensorische Erfahrung zwangsläufig jede einzelne psychologische oder kognitive Messgröße.
Denn wer schon einmal durch einen Wald gegangen ist, weiß das ohnehin. Ein Wald ist nicht einfach nur grün. Er ist das Geräusch des Windes in den Baumkronen, der Boden unter unseren Füßen, der Geruch feuchter Erde, das wechselnde Licht, der Gesang der Vögel und sogar dieses besondere Gefühl, sich an einem Ort zu befinden, der weit über das hinausgeht, was wir gerade sehen können.
Virtuelle Wälder sind bisher zu einfach
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit, veröffentlicht in Forest Policy and Economics, hat 34 Studien zu den Auswirkungen virtueller Wälder auf das menschliche Wohlbefinden untersucht. Die Arbeit liefert einen hilfreichen Überblick über den Stand der Forschung und zeigt ein schnell wachsendes Forschungsfeld – allerdings auch eines, das noch mit wichtigen Einschränkungen zu kämpfen hat.
Viele der bisher untersuchten virtuellen Wälder bilden nämlich nur einen Teil der Komplexität eines echten Waldökosystems ab. Einige Merkmale, die beeinflussen könnten, wie wir einen Wald wahrnehmen, sind noch vergleichsweise wenig erforscht: die Dichte der Bäume, das Vorhandensein von Unterwuchs, die Struktur der Vegetation, Totholz und die Vielfalt der Umgebung insgesamt. Ähnlich sieht es bei den Sinneseindrücken aus. Geräusche kommen in immersiven Erfahrungen relativ häufig zum Einsatz, während Gerüche nur in wenigen Studien vorkommen und der Tastsinn nahezu vollständig fehlt.
Das ist eine wichtige Einschränkung, denn die Natur ist kein Zusammenspiel einzelner Elemente, die sich problemlos voneinander trennen lassen. Unsere Wahrnehmung eines Waldes hängt gleichzeitig von seiner Struktur, seinen Geräuschen, dem Licht, den Gerüchen und unserer Möglichkeit ab, uns darin zu bewegen.
Paradoxerweise liegt genau in dieser Vereinfachung aber auch einer der größten wissenschaftlichen Vorteile der virtuellen Realität. In einem echten Wald können wir nicht einfach die Baumdichte verändern, den Unterwuchs entfernen, die Lichtverhältnisse verändern oder einen Bach erscheinen und verschwinden lassen, während alle anderen Bedingungen gleich bleiben. In einer virtuellen Umgebung können wir dagegen jeweils eine Eigenschaft verändern und beobachten, wie sich die Reaktion der Menschen darauf verändert.
Die virtuelle Realität ermöglicht es also, mit Wäldern Experimente durchzuführen, die in der realen Welt äußerst schwierig wären. Vorausgesetzt natürlich, dass wir nicht vergessen: Eine Simulation bleibt eine Simulation.
Wann ist ein virtueller Wald wirklich sinnvoll?
Hier eröffnen sich wahrscheinlich die interessantesten Möglichkeiten der Forschung. Ein virtueller Wald könnte besonders dort wertvoll sein, wo der Zugang zur Natur schwierig oder unmöglich ist: in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Schulen, Büros, Großstädten oder bei eingeschränkter Mobilität.
In solchen Fällen wäre das Ziel nicht, jemanden davon zu überzeugen, lieber auf dem Sofa zu bleiben, anstatt zwischen Bäumen spazieren zu gehen. Vielmehr könnte eine Verbindung zur Natur ermöglicht werden, wenn diese aus praktischen oder körperlichen Gründen gerade nicht verfügbar ist.
Auch der multisensorische Aspekt könnte eine der vielversprechendsten Entwicklungen für die Zukunft sein. Erfahrungen, die Bilder, Geräusche und andere Reize miteinander verbinden, versuchen, sich der Komplexität unserer natürlichen Wahrnehmung stärker anzunähern, auch wenn die Forschung in diesem Bereich noch relativ begrenzt ist.
Vielleicht braucht die ursprüngliche Frage also eine weniger eindeutige Antwort, als uns lieb wäre.
Kann ein virtueller Wald dafür sorgen, dass wir uns besser fühlen? Ja. Die bisherige Forschung deutet darauf hin, dass er positive Effekte haben kann, insbesondere auf die emotionale Erholung und den Abbau von Stress.
Kann er einen echten Wald ersetzen? Nein – zumindest nicht nach dem heutigen Stand der Forschung. Und vielleicht ist das auch gar nicht seine Aufgabe.
Technologie kann uns dabei helfen, besser zu verstehen, warum natürliche Umgebungen für unser Wohlbefinden wichtig sind. Und sie kann einen Teil der Naturerfahrung zugänglich machen, wenn wir die Natur nicht unmittelbar erreichen können. Ein Wald bleibt jedoch etwas, das komplexer ist als die Summe der Bilder, Geräusche und Gerüche, die wir reproduzieren können.

