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Nepal, 26. August 2026: Was wirklich passiert ist

Geschrieben von Tommaso Ciuffoletti | 01.09.2026, 14:38:00

Ein gewaltiger Einsturz von Eis und Gestein, eine Schuttlawine, ein aufgestauter Fluss und schließlich eine katastrophale Flut. Die Dynamik dieser Katastrophe zu rekonstruieren bedeutet auch zu verstehen, wie der Klimawandel die Stabilität großer Gebirge tiefgreifend verändern kann - ohne in vereinfachende Erklärungen zu verfallen.

Am 26. August 2026, kurz vor neun Uhr morgens, traf eine plötzliche Katastrophe die Bergtäler an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Innerhalb weniger Minuten bewegte sich eine gewaltige Masse aus Wasser, Schlamm, Eis, Felsen und Geröll durch die Flusssysteme des Lhende Khola, des Bhote Koshi und des Trishuli und zerstörte Dörfer, Straßen, Brücken, Grenzinfrastruktur und Wasserkraftanlagen. Die Flut traf mit einer solchen Wucht ein, dass den Menschen in ihrem Weg kaum Zeit zur Reaktion blieb. An einigen Stellen stieg der Pegel des Trishuli nach Angaben nepalesischer Behörden innerhalb von rund einer halben Stunde um bis zu neun Meter. In den folgenden Tagen stieg die Zahl der Opfer dramatisch an – und wurde während der Niederschrift dieses Artikels weiterhin aktualisiert –, während Tausende Menschen vermisst blieben und die Rettungsarbeiten zwischen gewaltigen Schuttmassen und unter der Gefahr weiterer Einstürze fortgesetzt wurden.

In den ersten Stunden war jedoch alles andere als klar, was tatsächlich geschehen war.

Ein seismisches Signal hatte zunächst zu Berichten über ein Erdbeben der Stärke 4,4 geführt. Die Erklärung schien naheliegend: eine Region im Himalaya, ein seismisches Ereignis, ein gewaltiger Erdrutsch und anschließend eine Überschwemmung.

Doch diese Rekonstruktion wurde bald infrage gestellt. Spätere Analysen deuteten darauf hin, dass das registrierte Signal nicht von einem tektonischen Erdbeben erzeugt worden war, das den Einsturz des Berges ausgelöst hatte. Vielmehr erzeugte die Bewegung der enormen Masse aus Gestein und Eis selbst ein seismisches Signal von außergewöhnlicher Intensität.
Der US Geological Survey stufte das Ereignis anschließend als einen schnellen Hangkollaps ein, an dem auch ein Gletscher beteiligt war und der eine gewaltige Schuttlawine sowie eine plötzliche Flut auslöste.

Diese Korrektur ist weit mehr als ein technisches Detail. Sie verändert grundlegend, wie wir diese Katastrophe verstehen müssen.

 

Die Abfolge war, soweit wir sie heute rekonstruieren können, nicht: Erdbeben → Erdrutsch → Überschwemmung.

Das Erdbeben – oder besser gesagt: das Signal, das zunächst als Erdbeben interpretiert worden war – war eine Folge des Kollapses. Die wahrscheinlichere Abfolge lautet:

> Kollaps eines Hochgebirgsbereichs unter gleichzeitiger Beteiligung von Gestein und Eis
> Schuttlawine und Umwandlung des Materials in einen äußerst mobilen Strom
> vorübergehende Aufstauung des Wasserlaufs und anschließende katastrophale Freisetzung des angesammelten Wassers.

Nicht nur Eis

Auch die Formulierung, die sich schnell in Medien auf der ganzen Welt verbreitete – „Ein Gletscher ist eingestürzt“ –, greift möglicherweise zu kurz.

Die ersten Satellitenbilder zeigten den Abbruch einer großen Eismasse in großer Höhe in der Nähe des Langtang Lirung. Reuters rekonstruierte, wie das Material rund 1.200 Meter in Richtung Talboden abstürzte und eine Lawine aus Eis und Gestein auslöste, die sich anschließend in einen gewaltigen Schuttstrom verwandelte.

Spätere Analysen der Satellitenbilder lieferten jedoch ein weiteres entscheidendes Element. Nach einer von Associated Press veröffentlichten Rekonstruktion könnte nicht nur Eis kollabiert sein: Auch das unter dem Gletscher liegende oder unmittelbar mit ihm verbundene Grundgestein könnte in den Einsturz einbezogen gewesen sein.

Mit anderen Worten: Was mit hoher Wahrscheinlichkeit geschah, war nicht einfach das Ablösen einer instabil gewordenen Gletschermasse. Möglicherweise handelte es sich um einen gigantischen Hangkollaps, bei dem Gestein und Eis gemeinsam versagten.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie verändert auch die Frage, die untersucht werden muss: Warum könnte ein Abschnitt eines Berges, der aus Gestein, Eis und wahrscheinlich weiteren Materialien besteht, seine Stabilität verloren haben?

Und genau hier wird die Beziehung zum Klimawandel interessant – und zugleich wesentlich komplexer, als erste Interpretationen vermuten lassen.

Der Zusammenhang mit dem Klimawandel

Derzeit gibt es keine Attributionsstudie, die die Aussage zulassen würde, der Klimawandel habe den Kollaps vom 26. August unmittelbar verursacht. Die direkten Ursachen des Versagens müssen noch detailliert rekonstruiert werden: die Geologie des Hangs, vorhandene Klüfte, thermische Bedingungen, ein möglicher Permafrostvorkommen, Wasserinfiltration, die Entwicklung des Gletschers, vorangegangene Niederschläge, Schneeverhältnisse und weitere mögliche lokale Faktoren. Auch der USGS betont, dass seine Rekonstruktion bislang vorläufig ist und mit neuen Daten aktualisiert werden könnte.

Heute zu behaupten, „der Klimawandel habe die Katastrophe verursacht“, würde daher über die verfügbaren Belege hinausgehen.

Ebenso falsch wäre jedoch der Schluss, dass das Klima keine Bedeutung habe, nur weil sich dieser einzelne Kollaps nicht direkt der globalen Erwärmung zuschreiben lässt.

Der Klimawandel kann nicht der unmittelbare Auslöser eines Ereignisses sein und gleichzeitig das physische System, in dem dieses Ereignis möglich wird, tiefgreifend verändern. Eine Felswand kann sich über Jahre oder Jahrzehnte hinweg allmählich auf einen Kollaps zubewegen und schließlich nach einem Starkregen, einer Wasserinfiltration, einer kleinen inneren Bewegung oder einem anderen scheinbar zufälligen Faktor versagen. Die wissenschaftliche Frage besteht daher nicht nur darin, „die Ursache“ am Tag des Kollapses zu finden, sondern zu verstehen, wie sich die Bedingungen, die die Stabilität eines Berges bestimmen, im Laufe der Zeit verändert haben.

Um diesen Punkt zu verstehen, müssen wir den Blick auf Nepal als Ganzes richten.

Der Wasserkreislauf

Nur wenige Tage vor der Katastrophe in Nepal veröffentlichten Asha Bhatta und Ashish Devkota eine systematische Übersichtsarbeit, die besonders hilfreich ist, um den Wasserkreislauf Nepals zu verstehen: Impact of climate change in Nepal across sectors from water-centric perspective: A systematic review, erschienen im August 2026 im H2Open Journal. Die Arbeit folgt dem PRISMA-Protokoll und fasst 122 wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang zwischen Klimawandel, Wasser sowie wirtschaftlichen und sozialen Bereichen in Nepal zusammen.

Ihre größte Stärke liegt gerade darin, das Problem nicht in voneinander getrennte Einzelteile zu zerlegen.

Der Klimawandel wirkt nicht getrennt auf Gletscher, Flüsse, Landwirtschaft und Gemeinschaften. All diese Systeme sind über das Wasser miteinander verbunden.

Die Übersichtsarbeit zeigt zunächst einen deutlichen Temperaturanstieg, der in höheren Lagen besonders ausgeprägt ist. Die nepalesischen Himalayaregionen weisen im Allgemeinen stärkere Erwärmungstrends auf als die Tieflandregionen des Terai. Gleichzeitig steigen Mindest- und Wintertemperaturen in vielen Fällen schneller als Höchst- und Sommertemperaturen. Der Wandel betrifft zudem nicht nur klimatische Mittelwerte, sondern auch Extremereignisse.

Die Übersichtsarbeit spricht ausdrücklich von einer zunehmenden Komplexität der hydroklimatischen Bedingungen Nepals, in denen Überschwemmungen, Dürren und sogar zusammengesetzte Extremereignisse aufeinanderfolgen oder miteinander interagieren können.

 

Das ist wichtig, um die Katastrophe von Langtang zu verstehen, denn Nepal ist ein Land, in dem Atmosphäre, Gletscher, Schnee, Flüsse, Sedimente und Berge gleichzeitig Veränderungen durchlaufen.

Und wenn sie sich gemeinsam verändern, können sich auch die Risiken verändern.

Berge bestehen nicht nur aus Gestein

Wenn wir an die Erwärmung großer Gebirgsketten denken, kommt uns zuerst das Bild eines zurückweichenden Gletschers in den Sinn. Und das zu Recht. Doch in und unter den Hängen des Hochgebirges gibt es eine weitere Form von Eis, die wesentlich weniger sichtbar ist, aber für die Stabilität der Landschaft ebenso wichtig sein kann: Permafrost.

Permafrost ist Boden, Sediment oder Gestein, das mindestens zwei aufeinanderfolgende Jahre lang bei einer Temperatur von null Grad Celsius oder darunter bleibt. In Gebirgsregionen kann er auch innerhalb von Klüften und Diskontinuitäten des Gesteins vorkommen.

Das bedeutet nicht, wie gelegentlich behauptet wird, dass Permafrost einfach „der Klebstoff der Berge“ sei. Die Realität ist komplexer. Aber Eis in Gesteinsklüften kann zu den mechanischen Eigenschaften einer Gesteinsmasse beitragen, und seine Degradation kann das Gleichgewicht zwischen den Kräften verändern, die einen Hang stabilisieren, und jenen, die seine Bewegung begünstigen.

Eine grundlegende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 von Annette Patton, Sara Rathburn und Denny Capps, veröffentlicht in Geomorphology, fasst diesen Zusammenhang klar zusammen:

Das Auftauen von Permafrost kann die Anfälligkeit von Hängen für Erdrutsche erhöhen, indem es die geotechnischen Eigenschaften der Materialien verändert, die Kohäsion verringert und die hydrologische Vernetzung verstärkt. Mit anderen Worten: Das Auftauen verändert nicht nur die Temperatur eines Berges. Es kann verändern, wie Wasser in seinem Inneren zirkuliert und wie Boden- und Gesteinsmassen Belastungen widerstehen.

Dieser Mechanismus ist besonders wichtig, weil sich ein Berg langsam verändern und destabilisieren kann, ohne dass von außen etwas Spektakuläres sichtbar wäre.

Klüfte können sich allmählich öffnen. Wasser kann tiefer eindringen. Frost- und Tauprozesse können Materialien verändern. Kleine Felsstürze können die Spannungsverteilung verändern. Der Verlust von Oberflächeneis kann Gestein neuen thermischen Bedingungen aussetzen.

Dann überschreitet das System irgendwann eine Schwelle. Und genau dann kann es zu einem Hangkollaps kommen.

Erwärmung und Erdrutsche: Was sagt die wissenschaftliche Literatur?

In den vergangenen Jahren hat die Forschung zunehmend belastbare Hinweise darauf gesammelt, dass die Erwärmung die Erdrutschaktivität im Hochgebirge verändern kann.

Eine besonders interessante Studie erschien 2024 in Nature Geoscience. Markus Stoffel und seine Kolleginnen und Kollegen rekonstruierten ein Jahrhundert der Felssturzaktivität in den Schweizer Alpen – unter anderem anhand der Wachstumsringe von 375 Bäumen, die durch herabfallende Felsen beschädigt worden waren. Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Korrelation zwischen der Felssturzaktivität und den Sommertemperaturen sowohl auf jährlicher als auch auf mehrdekadischer Zeitskala. Nach der Mitte der 1980er-Jahre erreichte die Aktivität innerhalb der untersuchten historischen Reihe beispiellose Werte. Die Autoren bringen diesen Wandel mit Erwärmung und Permafrostdegradation in Verbindung, betonen jedoch zugleich die Komplexität der Faktoren, die ein einzelnes Ereignis auslösen können.

Die Aussage lautet nicht: Es wird wärmer, also stürzt der Berg ein.
Die Aussage lautet: Erwärmung kann die Bedingungen der Hangstabilität schrittweise verändern und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich Gesteinsmassen lösen.

Eine erst vor wenigen Wochen in Earth Surface Dynamics veröffentlichte Studie liefert ein noch aufschlussreicheres Beispiel. Sie untersucht den Kollaps des Platteikogel in den österreichischen Alpen und rekonstruiert, wie der Verlust kleiner, am Berg anliegender Eiskörper – sogenannter Ice Aprons – und die Erwärmung des Permafrosts zur Destabilisierung eines Felshangs beitragen können. Die Autoren kombinieren geomorphologische Beobachtungen, Rekonstruktionen der thermischen Entwicklung und mechanische Modelle der Hangstabilität.

 

Gerade das abschließende Ergebnis der Studie macht sie für unsere Überlegungen besonders relevant.

Der Kollaps des Platteikogel lässt sich nicht einfach damit erklären, dass die Erwärmung die Festigkeit des in den Klüften vorhandenen Eises reduziert habe. Das System ist komplexer. Der Verlust der Ice Aprons begünstigt neue thermische Regime, kann die Felssturzaktivität erhöhen und eine stärkere Wasserinfiltration ermöglichen. Diese wiederum kann den hydrostatischen Druck in kritischen Bereichen des Hangs erhöhen und so zur Destabilisierung beitragen. Die Autoren beschreiben daher ein System von Rückkopplungen zwischen Kryosphäre, Hydrologie und Gebirgsmechanik.

Das ist auch für Nepal eine wichtige Erkenntnis. Der Klimawandel muss einen Berg nicht unmittelbar „zerbrechen“.

Er kann das physische System, das ihn im Gleichgewicht hält, langsam verändern.

 

Auch im Himalaya verändern sich die Erdrutsche

2026 veröffentlichten Chengbin Zou, John Jansen und weitere Forschende in National Science Review eine äußerst relevante Studie über die Eastern Himalayan Syntaxis, eine der dynamischsten und instabilsten Regionen des gesamten Himalayasystems.

Die Autoren erstellten ein Inventar von 8.607 klimatisch bedingten Erdrutschen, die zwischen 1987 und 2020 beobachtet wurden. Besonders bemerkenswert ist ihr Ergebnis, dass das jährliche Volumen der Erdrutsche oberhalb von 3.000 Metern innerhalb von drei Jahrzehnten um etwa das Fünffache zugenommen hat. Auch die räumliche Verteilung dieser Prozesse scheint sich in höhere Lagen zu verschieben – parallel zum Rückzug der Gletscher, zum Auftauen des Permafrosts und zu Veränderungen der Niederschläge, die zunehmend als Regen statt als Schnee fallen.

Die Autoren behaupten nicht, dass jeder einzelne Erdrutsch im Himalaya „durch den Klimawandel verursacht“ werde. Sie zeigen etwas Wichtigeres: Die Erdrutschaktivität in den großen Gebirgsregionen Asiens verändert sich in einem sich wandelnden Klima rasch.

Das Ergebnis ist eine stärkere Produktion und Mobilisierung von Sedimenten und vor allem ein wachsendes Risiko sogenannter cascading mountain hazards: Ereignisketten, bei denen ein Prozess einen weiteren auslöst.

Und es ist schwer, sich eine bessere Beschreibung dessen vorzustellen, was am 26. August geschah.

Ein Kollaps → der Eis und Gestein umfasst → eine Lawine erzeugt → zu einem Schuttstrom wird → sich an einem extrem steilen Hang beschleunigt → innerhalb kurzer Zeit das Tal erreicht und den Fluss verändert → einen vorübergehenden Aufstau verursacht → plötzlich enorme Mengen an Wasser und Sediment freisetzt → und eine geologische Krise in eine menschliche Katastrophe verwandelt, die sich über Hunderte Kilometer flussabwärts auswirkt.

Frost-Tau-Zyklen

Eine weitere aktuelle Studie, die 2026 in Catena veröffentlicht wurde, hilft dabei, das Problem noch besser zu verstehen. Yuting Yang und ihre Kolleginnen und Kollegen untersuchten 905 Erdrutsche in der Qilian-Region auf dem Tibetischen Plateau und analysierten die Rolle von Frost-Tau-Zyklen zusammen mit den topografischen Eigenschaften der Landschaft.

Die Ergebnisse sind gerade deshalb besonders interessant, weil sie vereinfachende Erklärungen vermeiden.

Frost-Tau-Zyklen erwiesen sich nicht als dominierender Faktor für das Auftreten von Erdrutschen. Die Hangneigung bleibt der wichtigste topografische Einflussfaktor. Thermische Zyklen sind jedoch statistisch signifikant und können die mechanischen Eigenschaften des Bodens sowie die hydrologischen Bedingungen im Untergrund verändern. Die Studie identifiziert zudem einen Schwellenwert bei der Häufigkeit jährlicher Zyklen, oberhalb dessen die Anfälligkeit für Erdrutsche deutlich zunimmt.

Der entscheidende Punkt ist, dass Topografie und thermische Bedingungen nicht unabhängig voneinander wirken.

Ein steiler Hang, der starken Temperaturschwankungen ausgesetzt ist und bestimmte hydrologische Eigenschaften aufweist, kann völlig anders reagieren als ein anderer Hang, der auf den ersten Blick ähnlich erscheint.

Jenseits der Ursachen: die Folgen

Satellitenbilder legen inzwischen nahe, dass die Katastrophe mit einem gigantischen Kollaps begann, der gleichzeitig Gestein und Eis umfasste. Das macht es wissenschaftlich plausibel, die mögliche Rolle von Permafrostdegradation, Eisverlust und hydrologischen Veränderungen innerhalb des Hangs zu untersuchen.

 

Doch plausibel bedeutet nicht bewiesen.

Um festzustellen, ob Permafrost beim Kollaps von Langtang tatsächlich eine konkrete Rolle spielte, wird es notwendig sein, die Struktur des Hangs und die Bedingungen vor dem Ereignis detailliert zu rekonstruieren. Es muss geklärt werden, wo Eis vorhanden war, wie sich die Temperaturen verändert hatten, wie sich der Gletscher entwickelt hatte und welche hydrologischen Bedingungen im Inneren des Berges bestanden.

Eine Sache scheint jedoch mit einiger Sicherheit klar zu sein. Wie Roger Pielke Jr. in The Honest Broker nachdrücklich argumentierte, war die Katastrophe vermeidbar – nicht in dem Sinne, dass der Kollaps selbst hätte verhindert werden können, sondern in dem Sinne, dass durch Frühwarnung Tausende Menschenleben hätten gerettet werden können.

Bis Januar 2025 finanzierten die Vereinigten Staaten SERVIR-Hindu Kush Himalaya, ein gemeinsames Programm von USAID und NASA mit Sitz in Kathmandu. Das Programm nutzte Satellitenbeobachtung und georäumliche Analysen zur Verringerung von Katastrophenrisiken. Zu seinen konkreten Ergebnissen gehörten Nepals nationales Monitoringsystem, die Überwachung von Waldbränden, Dienste zur Prognose von Hochwasser- und Dürregefahren, die Zusammenarbeit mit dem Nepal Red Cross bei der Risikokommunikation sowie mehr als 170 öffentliche Datensätze zu Gletschern, Landbedeckung, Katastrophen und Vulnerabilität.

Im Januar 2025 wurde das Programm infolge einer von der Trump-Regierung beschlossenen Kürzung der USAID-Finanzierung um 83 % eingestellt. Berichten zufolge wurden im Rahmen von Überprüfungen nationaler Interessen und Ziele zu streichende Haushaltsposten unter anderem mithilfe von Stichwortsuchen ausgewählt, zu denen auch „climate“ gehörte. USAID-NASA-Programme zur Hochwasservorhersage, Frühwarnung, Katastrophenvorsorge und Kartierung gefährlicher Gletscherseen in Nepal wurden auf diese Weise identifiziert und in die Kürzungslisten aufgenommen.

Laut Jeremy Konyndyk, der die USAID-Reaktion auf das Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 leitete, waren diese Programme ausdrücklich dafür konzipiert worden, Katastrophen wie jene vom August 2026 vorherzusehen und ihre Folgen zu begrenzen. Dabei handelte es sich nicht um abstrakte Forschung. Es war operative Infrastruktur für den Katastrophenschutz.

Selbst ein einfaches Frühwarnsystem hätte – nach Einschätzung von Fachleuten für Katastrophenschutz im Himalaya – zwischen fünf und dreißig Minuten Vorwarnzeit bieten können, bevor die Flutwelle die Dörfer flussabwärts erreichte. Dreißig Minuten reichen nicht aus, um eine Stadt zu evakuieren. Sie können jedoch ausreichen, um Menschen in gefährdeten Dörfern dazu aufzufordern, sich vertikal zu bewegen: weg vom Flussbett und hinauf an die Hänge. Hunderte Menschen hätten gerettet werden können.

Ein Berg im Wandel

Die Tragödie in Nepal zeigt daher, wie wichtig es ist zu verstehen, wie der Klimawandel Gefahren verändert, damit Präventionssysteme an diese neuen Risiken angepasst werden können. Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, einen Entwicklungspfad umzukehren, der andernfalls zu weiteren Tragödien führen wird – indem wir Emissionen reduzieren, Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen und Alternativen zum Business as usual entwickeln.

Denn der Klimawandel verändert nicht nur das, was wir sehen können.

Es geht nicht nur um zurückweichende Gletscher, veränderte Flussabflüsse oder wärmere Jahreszeiten. Im Hochgebirge kann die Erwärmung auch die unsichtbaren Strukturen der Landschaft verändern. Sie kann die Temperatur des Gesteins beeinflussen. Sie kann Permafrost degradieren. Sie kann verändern, wie sich Wasser in Gesteinsklüften verhält. Sie kann Frost-Tau-Zyklen verstärken. Sie kann das Verhältnis zwischen Regen und Schnee verändern. Sie kann den Rückzug der Gletscher beschleunigen und Hänge freilegen, die über Jahrhunderte hinweg vom Eis bedeckt oder durch dieses gestützt worden waren.

Keiner dieser Prozesse bedeutet automatisch, dass ein Berg einstürzen wird. Doch zusammen können sie das System verändern, in dem dieser Berg existiert.

Wissenschaftliche Referenzen

  • Bhatta, A. & Devkota, A. (2026). Impact of climate change in Nepal across sectors from water-centric perspective: A systematic review. H2Open Journal, 9(4), 100052. DOI: 10.1016/j.htopen.2026.100052.
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  • Zou, C., Jansen, J. D., Dou, X., Dai, L., Xu, Q. & Fan, X. (2026). Elevation-dependent landsliding driven by climate change in the eastern Himalayan syntaxis. National Science Review, 13(10), nwag238. DOI: 10.1093/nsr/nwag238.
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  • Pfluger, F., Weber, S., Barbosa, N., Hofmeister, F., Leinauer, J., Wegmann, P. & Krautblatter, M. (2026). How ice apron loss and permafrost degradation promoted the Platteikogel rock slope failure: a thermo-mechanical reconstruction. Earth Surface Dynamics, 14, 601–634. DOI: 10.5194/esurf-14-601-2026.
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  • Yang, Y., Mei, G., Ma, Z., Xu, N. & Peng, J. (2026). Impact of freeze-thaw on landslide activity under diverse topographies using geospatial data mining: Insights from Qilian Permafrost Region, Tibetan Plateau. CATENA, 268, 110024. DOI: 10.1016/j.catena.2026.110024.
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  • Stoffel, M., Trappmann, D. G., Coullie, M. I. et al. (2024). Rockfall from an increasingly unstable mountain slope driven by climate warming. Nature Geoscience, 17, 249–254. DOI: 10.1038/s41561-024-01390-9.
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  • Patton, A. I., Rathburn, S. L. & Capps, D. M. (2019). Landslide response to climate change in permafrost regions. Geomorphology, 340, 116–128. DOI: 10.1016/j.geomorph.2019.04.029.
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Quellen zur Rekonstruktion des Ereignisses