El Niño ist eines jener Phänomene, von denen wir alle schon einmal gehört haben. Es tritt alle paar Jahre auf, erwärmt den Pazifischen Ozean, verändert Niederschlagsmuster und bringt in einigen Regionen Dürren, in anderen Überschwemmungen. Es ist fast zu einer wiederkehrenden Figur in der globalen Klimanarration geworden.
Und doch steckt hinter dieser scheinbaren Vertrautheit ein Problem: El Niño ist weit weniger verstanden, als es scheint.
Nicht etwa, weil es an Daten oder Studien mangelt – ganz im Gegenteil. Es ist eines der am besten beobachteten, modellierten und analysierten Phänomene der modernen Klimaforschung. Doch gerade diese Fülle an Wissen hat eine komplexere Realität sichtbar gemacht:
Es gibt nicht das eine El Niño – und vor allem gibt es keinen einfachen Weg, es vorherzusagen.
In diesem Artikel habe ich einige der interessantesten aktuellen Studien zusammengetragen, um verständlich zu erklären, was El Niño ist – und warum wir es trotz allem nur teilweise begreifen.
Die gängigste Definition ist einfach: El Niño ist eine ungewöhnliche Erwärmung der Oberflächengewässer im äquatorialen Pazifik.
Doch genau hier zeigt sich bereits ein erstes Problem. Wo genau messen wir diese Erwärmung? Und im Vergleich zu welcher „Normalität“?
Wissenschaftler verwenden unterschiedliche Indizes (wie Niño-3.4 oder ONI), die jeweils auf leicht unterschiedlichen Regionen und Schwellenwerten basieren. Das Ergebnis: Dasselbe Ereignis kann je nach verwendetem System unterschiedlich klassifiziert werden.
In den letzten Jahren ist die Situation noch komplexer geworden: Der Klimawandel verschiebt die klimatische „Normalität“. Deshalb wurden neue Indikatoren entwickelt, die die Bedingungen im Pazifik mit dem gesamten tropischen System vergleichen – ein Versuch, eine sich ständig verändernde Referenzbasis zu korrigieren.
Die Konsequenz ist entscheidend, wird aber oft unterschätzt:
El Niño ist nicht nur ein Naturphänomen – es ist auch das Ergebnis der Art und Weise, wie wir es messen.
Selbst wenn wir wissen, wann ein El Niño beginnt, bleibt eine zentrale Frage offen: Welche Art von El Niño wird es sein?
Lange Zeit galt die Intensität als entscheidender Unterschied – stärker oder schwächer. Heute wissen wir, dass es nicht so einfach ist.
Neuere Forschungen zeigen, dass sich El Niño auf unterschiedliche Weise entwickeln kann:
Dieser Unterschied ist keineswegs trivial – er verändert die globalen Klimaauswirkungen grundlegend. Und hier liegt der wichtigste Punkt:
Das Schicksal eines El Niño entscheidet sich viel früher, als wir lange angenommen haben.
Nicht zum Zeitpunkt seines Höhepunkts, sondern bereits in der frühen Entwicklungsphase, wenn das Ereignis noch im Entstehen ist.
Kleine Unterschiede zu Beginn – etwa in der Intensität, der Wärmeverteilung oder den Wechselwirkungen mit anderen Ozeanen – bestimmen, welchen Verlauf das System nimmt.
Das verändert unsere Perspektive grundlegend:
Wir beobachten kein Phänomen, das einfach wächst und wieder verschwindet.
Wir beobachten ein System, das von Anfang an verschiedene Wege einschlagen kann.
So schwer El Niño zu definieren und zu klassifizieren ist, so konkret sind seine Auswirkungen.
Wenn sich die Gewässer im Pazifik erwärmen, verändern sich Winde, Meeresströmungen und Niederschlagsmuster. Doch diese Veränderungen sind nicht gleichmäßig – sie führen zu sehr spezifischen lokalen Effekten.
In einigen Regionen:
in anderen:
In den Ozeanen können die Folgen noch tiefgreifender sein. Die Erwärmung der Oberfläche reduziert das Aufsteigen kalter, nährstoffreicher Tiefenwässer (Upwelling), was eine Kettenreaktion auslöst:
In diesem Sinne ist El Niño nicht nur eine klimatische Anomalie:
Es ist ein Faktor, der ökologische Gleichgewichte neu ordnet.
Und daraus ergibt sich eine weitere wichtige Konsequenz:
Wenn es verschiedene Arten von El Niño gibt, dann gibt es auch unterschiedliche Arten von Auswirkungen.
Angesichts all dieses Wissens könnte man erwarten, dass El Niño heute präzise vorhergesagt werden kann. Doch das ist nicht der Fall.
Klimamodelle sind inzwischen recht gut darin, abzuschätzen, ob sich ein Ereignis entwickeln wird. Deutlich schwieriger ist es jedoch zu bestimmen:
Ein zentrales Problem ist die sogenannte spring predictability barrier – eine Phase im Jahresverlauf, in der das Klimasystem besonders instabil und schwer zu interpretieren ist. Genau dann, wenn man verstehen müsste, wie sich das Ereignis entwickelt, werden die Prognosen unsicherer.
Hinzu kommt ein grundlegenderes Problem:
Wenn mehrere Verläufe möglich sind, kann es keine einzelne Vorhersage geben.
Es geht nicht darum, ein Ergebnis zu erraten, sondern eine Bandbreite möglicher Entwicklungen abzuschätzen.
Damit kommen wir zu einem letzten, oft unterschätzten Punkt: Wie wir über El Niño sprechen.
In der öffentlichen Diskussion wird das Phänomen häufig auf einfache Kategorien reduziert:
Diese Begriffe funktionieren kommunikativ, sind aber wissenschaftlich unzureichend. Zu sagen, ein El Niño werde „sehr stark“ sein, reicht nicht aus, um zu verstehen:
Mit anderen Worten:
Die Kommunikation vereinfacht ein Phänomen, das seiner Natur nach nicht einfach ist.
Und genau hier entsteht eine Lücke zwischen dem, was die Wissenschaft weiß, und dem, was in der Öffentlichkeit ankommt.
Am Ende konfrontiert uns El Niño mit einer interessanten Spannung. Einerseits:
Andererseits:
Das Ergebnis ist:
El Niño ist eines der am besten erforschten Klimaphänomene der Welt –
und zugleich eines der am wenigsten verstandenen in seiner konkreten Ausprägung.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.
Nicht weil die Wissenschaft versagt, sondern weil das System, das wir zu beschreiben versuchen, schlicht komplexer ist, als wir es gerne hätten.
Chen, J. et al. (2025). Pantropical climate interactions and CP El Niño decay. Atmospheric and Oceanic Science Letters.
Beobachtungsstudien zu lokalen Auswirkungen (Bucht von La Paz, 2015–2016).
Witze, A. (2026). Are we really headed for a ‘super’ El Niño? Nature.
ENSO-Literatur zu Definitionen und Messmethoden (NOAA, ERSST, ONI, RONI).